Das nacheinander Prinzip

Updated: Jan 28, 2019

Mit 16 Jahren hatte ich eine Option. Ich hätte damals in eine Fussballschule wechseln können und zum Profi werden. Dafür wäre es notwendig gewesen, meine Heimat zu verlassen, eine Zeit lang weit weg von Eltern und Freunden zu trainieren und mich auf den Sport zu fokussieren. Ich habe die Option nicht genutzt, und statt dessen meine Schule vor Ort weiter besucht. 2 Jahre später habe ich in meinem Abschlussjahr einen Profivertrag bekommen, und musste täglich 4 Stunden im Zug zum Training und wieder nach Hause verbringen, die Wochenenden auf irgendwelchen Fußballplätze mein bestes geben und nebenher für die Schule arbeiten, damit ich meinen Abschluss schaffe.

Damals hatte ich noch nichts vom "Nacheinander Prinzip" gehört, und wahrscheinlich haben das bis heute die wenigsten. Wir sind in einer Zeit aufgewachsen, wo alles auf einmal passiert. Wir sitzen am Esstisch, haben den Fernseher laufen, neben uns liegt die Zeitung, die Kinder werden gefüttert und gleichzeitig emails am iPhone beantwortet. Es ist für uns normal geworden, dass wir alles auf einmal haben wollen. Denken wir nur an die vielen Kinder, die im Babyalter schon in die Kita kommen, da wir keine Zeit verlieren wollen, und uns lieber um 7Uhr früh durch die Stadt hetzen, um das Kind wo abzuliefern, nur damit wir auch gleichzeitig unsere Karriere verfolgen können, am Abend noch den Yoga Kurs besuchen und am Wochenende dann an Halbmarathons durch fremde Städte laufen müssen. Oder wenn unsere Kinder nicht ein Hobby haben dürfen sondern montags zum Tanzen, dienstags zum Klavier und danach noch Schwimmtraining, mittwochs Ballett und Donnerstag ist sowieso Reiten angesagt, dann bleibt für Freitag eigentlich nur noch Zeit für eine kleine Runde Lauftraining, damit man am Wochenende fit für den "Bambinilauf" ist. Kein Wunder, dass die Kinder in den Schulen schon an Burnouts leiden, und bereits im Vorschulalter an Überforderung krank werden.

Wir wollen alles auf einmal haben und vergessen dabei, dass wir eigentlich nur kurz Inne halten müssten, und darauf hören, was wir in diesem einen Moment wirklich wollen, und was uns tatsächlich wichtig ist. Wenn wir Kinder haben wollen, dauert es oft Jahre, bis eine Schwangerschaft passiert. Sind die 3 oder 4 Jahre, die wir dann unserem Kind an Zeit opfern schon zu viel verlangt ? Oder können wir ein paar Jahr auf die Kinder verzichten und verschieben unsere Familienplanung nach hinten, damit wir Zeit für den Job haben. Es ist nichts verwerfliches daran, Karriere zu wollen, oder Kinder, oder auch beides. Allerdings sollten wir uns fragen, was wir bereit sind nach hinten zu schieben und worauf wir unsere Zeit unsere Aufmerksamkeit fokussieren wollen.


Meine Entscheidung damals, nicht fokussiert auf die Fussballschule zu gehen hat mich am Ende eine Karriere gekostet. Ich war zu spät dran, um wirklich den Sprung zu schaffen, und ich hatte zu wenig Zeit, da ich einen Spagat zwischen dem Sport und der Ausbildung versucht habe. Heute weiss ich, dass ich so etwas nicht mehr mache. Eines nach dem anderen. Nur so bekommt jeder Abschnitt im Leben die Aufmerksamkeit, die notwendig ist, um das Beste zu geben. Mein Opa wurde 93 Jahre alt, und hat einmal zu mir gesagt: "Man kann sich nicht aussuchen, was das Leben bringt, aber wenn es soweit ist, muss man tun was man tun muss, und sich entscheiden". Entscheidet euch selbst, aber denkt dabei an das "Nacheinander Prinzip". Es ist nie zu spät




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